Mit dem Vortrag DAS UNFERTIGE GEDICHT: ELEMENTE EINER ALLGEMEINEN THEOPOSIE von Peter Sloterdijk wurde am 05. Mai 2019 im Großen Haus die neue Diskursreihe „Nach Gott. Reden über Religion nach ihrer Entzauberung“ erfolgreich eröffnet. Mit dieser Reihe knüpft das Theater Freiburg an die Tradition der Sonntagsmatinéen an, die unter Barbara Mundel mit der Reihe „Capitalism Now“ veranstaltet wurden. Nach dem Kapitalismus soll nun also das Feld der Religion bzw. Gottes mit unterschiedlichen, hochkarätigen Redner_innen unter die Lupe genommen und dekonstruiert werden:

Ausgehend vom Tode Gottes, der von den Denkern der Moderne wie Nietzsche ausgerufen wurde, widmet sich die Reihe der Frage nach der Religion, von der Zeit der alten Götterherrschaft über die Entstehung und Politiken der großen Monotheismen, bis zu den Technoutopien über das gottähnliche Vermögen der künstlichen Intelligenz. Jenseits der theologischen Diskussion, die von der Existenz eines Gottes ausgeht, bewegen sich die Vorträge vielmehr auf dem unsicheren Terrain einer „Dekonstruktion des Christentums“, wie es der französische Philosoph Jean Luc Nancy nennt und behandeln die verschiedenartigen kulturellen, politischen sowie theoretischen Konstruktionen, die mit dem Glauben an einen Gott einher gehen. Ausgehend von einer solchen Dekonstruktion wird die Thematik der Vorlesungsreihe nicht ausschließlich im Sinne eines zeitlichen „Nach“ aufgefasst, sondern zudem unter der Überschrift einer „Frage nach“ Gott behandelt. Diese Dekonstruktion beruht darauf, beispielsweise das Christentum selbst als den Akt einer fortwährenden Dekonstruktion zu verstehen: in der Kreuzigung Christi scheint der Tod Gottes entschieden und damit das Ende der Religion. Dieses Ereignis ist nicht nur im Sinne eines zeitlichen „Nach“ zu behandeln, denn als Ende allzu einfacher Gewissheiten, gefahrvoller Ideologien und Fixierungen auf die Abgeschlossenheit von Identitäten – und damit jenen vermeintlichen Sicherheiten, die gegenwärtig den Ausschlag geben für die geopolitischen Konflikte religiösen Ursprungs. Die Reihe stellt insofern vielmehr ein Fragen nach Gott dar, womit das „Nach“ im Sinne einer Gerichtetheit auf Gott als das Offene und damit auch das noch Zukünftige zu verstehen ist.

Die Beiträge sind insofern auch als Ausdruck einer theopoetischen Selbstaufklärung zu verstehen, die die Entstehung des Glaubens in einem vielmehr dichterischen Verhältnis zu Gott ansiedelt. Denn, vielleicht war Religion, vor jeder Entstellung durch fixe Glaubenssysteme, immer schon Dichtung. Nicht Gott hat den Menschen erschaffen, der Mensch hat Gott geschaffen: Die Dichter haben die Götter gezeugt. Religion ist Theopoesie, auch Offenbarung ist Poesie. War dies bereits mit den alten Mythologien der Fall, so kam es erst heute, in der Moderne, mit Jean Paul, mit Nietzsche und schließlich mit Freud, ganz zu Bewusstsein. Soziologen wie Luhmann zuletzt haben den „BeobachterGott“ des Monotheismus vollends entzaubert, als bloße Personifikation in der Erfahrung der Transzendenz: als Einheit von Beobachter und Beobachtung, womit Religion zu einer Theorie der posttheologischen Beobachtung wird. Auch der Begriff der Transzendenz muss dann innerweltlich interpretiert werden, indem die Unbeobachtbarkeit nun im Medium des Sinns ausgedrückt wird.

An diese Umkehrung der Verhältnisse schließen auch die kritischen Befunde an: Denn die Frage nach Gott ist heute nicht mehr nur im Bewusstsein angesiedelt, sondern ist auch mit Bezug auf die künstliche Intelligenz und die beobachtenden Kommunikationssysteme zu stellen. Auch drückt sie sich im profanen Atheismus der Warengesellschaften aus, die das ursprünglich theopoetische Verhältnis extrem verarmen. Als Reaktion darauf verbreitet sich in der postmodernen Gesellschaft kompensatorisch zur Dekonstruktion von Religion eine Wucherung esoterischer Poesie; in vorsäkularisierten Verhältnissen dagegen – als Immunreaktion auf den Nihilismus der Weltmassenmedien – setzt sich ein Fundamentalismus des Glaubens und des religiösen „Gesetzes“ fest.

Die „Reden über Religion nach ihrer Entzauberung“ setzen weit vor der Todeserklärung Gottes durch Nietzsche an und erkunden über dieses Diktum hinaus die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Frage nach Gott.
Kuratiert wird die Reihe „Nach Gott“ vom Institut für soziale Gegenwartsfragen, welches bereits eine lange Zusammenarbeit mit dem Theater Freiburg verbindet. Der SWR2 unterstützt die Reihe als Medienpartner – die Vorträge der Redner werden ausgestrahlt oder auf der Internetseite zur Verfügung gestellt.
Die Reihe wird in der Spielzeit 2019/2020 mit folgenden Rednern*innen fortgesetzt:

27. OKTOBER 2019 // 11.00 UHR // GROSSES HAUS
JEAN-LUC NANCY: FULGET AMICA DIES

Wenn Gott (deus) der Tag (dies) ist, also das, was anbricht – warum sollte er dem vorbehalten sein, was wir Religion nennen? Oder kennen wir wahrhaftig, was wir in solch verworrener Weise benennen?

Die Arbeiten des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy sind als eine „Dekonstruktion des Christentums“ zu verstehen. Mit dieser Dekonstruktion wird die Thematik der Vorlesungsreihe unter der Überschrift einer „Frage nach“ Gott behandelt. Nancy zielt nicht auf eine Dekonstruktion des Christentums ab, sondern plädiert vielmehr dafür, das Christentum selbst als den Akt einer fortwährenden Dekonstruktion zu begreifen. In der Kreuzigung Christi scheint der Tod Gottes entschieden und damit das Ende der Religion. Dieses Ereignis ist allerdings weniger im Sinne eins zeitlichen „Nach“ zu verstehen, denn als Ende allzu einfacher Gewissheiten, gefahrvoller Ideologien und Fixierungen auf die Abgeschlossenheit von Identitäten. Die Dekonstruktion des Christentums beinhaltet insofern ein fortwährendes Fragen nach Gott, womit das „Nach“ vielmehr eine Gerichtetheit auf Gott als das Offene und damit auch das noch Zukünftige impliziert. Jean-Luc Nancy ist ein französischer Philosoph, der in der Tradition der Dekonstruktion und Phänomenologie steht und zu den bekanntesten Philosophen der Gegenwart zählt. Nancy hat Studien zur Ontologie der Gemeinschaft, zur Metamorphose des Sinns sowie zur Bildtheorie verfasst.

17. NOVEMBER 2019 // 11.00 UHR // GROSSES HAUS
MANFRED FRANK: WOZU DICHTER IN DÜRFTIGER ZEIT?

Die „dürftige Zeit“, über deren Eintritt und Überwindung Hölderlins berühmte Elegie Brod und Wein sinnt, ist die Zeit nach dem Tode Gottes und der übersinnlichen Welt. Manfred Franks Vortrag stellt sie in den frühromantischen Kontext der „Neuen Mythologie“, die an die Stelle des alten Sinngaranten Religion treten soll – und wie die alte nichts sein soll als intersubjektiv verbindlich gemachte konzertierte Dichterfantasie. So tritt die Dichtung (und – pars pro toto – die Kunst) an die Stelle der Religion und ersetzt/bewahrt deren sinnstiftende Kraft. Frank wird besonders auf die dem „kommenden Gott“ Dionysos zugedachte Rolle eingehen und den gesamten kritischen Kontext vergegenwärtigen, nicht minder die erstaunliche Wirkungsgeschichte dieser nur scheinbar weltfremden Utopie.

Manfred Frank ist ein deutscher Philosoph und emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind der deutsche Idealismus und die Philosophie des Geistes.

JAN ASSMANN: NACH GOTT – ABER NACH WELCHEM?

Es geht darum zu zeigen, dass es vor der Zeit des Glaubens an Gott, deren Ende wir empfinden, eine Zeit „vor Gott“ gab, in der ganz andere Götter und auf ganz andere Weise verehrt wurden. Wenn vom Verschwinden oder gar vom „Tod“ Gottes die Rede ist, scheint es geboten, sich auch über die Heraufkunft dieses Einen Gottes Klarheit zu verschaffen, die das Ende, das Verschwinden oder den Tod der alten Götter bedeutete.

Jan Assmann ist ein deutscher Ägyptologe, Religionswissenschaftler, Kulturwissenschaftler und Emeritus der Ruprecht- Karls-Universität Heidelberg. Assmann beschäftigt sich ins besondere mit Erinnerungskulturen.

SEYRAN ATEŞ: PLÄDOYER FÜR EINEN ISLAMISCHEN LUTHER

Die Frage, ob der Islam reformierbar und somit zeitgemäß auslegbar ist oder nicht, spaltet die orthodoxen und traditionellen Muslime von den liberalen Muslimen – eine Tatsache und Dynamik, die nicht nur in der muslimischen Religionsgemeinschaft zu beobachten ist. Seyran Ateş berichtet über Erfahrungen zu dem Thema, vor allem aus der Ibn RushdGoethe Moschee.

Seyran Ateş ist eine deutsche Rechtsanwältin, Autorin und Frauenrechtlerin und Mitbegründerin der Ibn-Rushd-GoetheMoschee in Berlin, die für einen liberalen Islam steht.

BAZON BROCK: NEUER MENSCH – NEUE GÖTTER GENETIK ALS SCHÖPFUNGSPOESIE

Das Konzept des Neuen Menschen prägte die Politiken in der Sowjetunion wie in Deutschland, in Israel, in Frankreich und Italien. Die Basis war Optimierung durch Züchtung. Das Konzept wird jetzt durch die Genetik global verbindlich – mit welchen Konsequenzen jenseits von Orwell, von ISIS, von Industrienormen? Worauf es ankommt, ist sicherlich die Überformung von Globalität durch Universalität aus dem Geiste der Metaphysik.

Bazon Brock ist emeritierter Professor für Ästhetik an der Bergischen Universität Wuppertal, Künstler und Kunsttheoretiker. Brock gilt als Vertreter der Fluxus-Bewegung.

SIGRID WEIGEL: NACH GOTT – MUSIK ALS PASSION VOM MUSIKALISCHEN NACHLEBEN SAKRALER
LEIDENSCHAFTEN

In der Säkularisierung verflüchtigte sich die Gottesliebe, doch die Passionen blieben – und wanderten in die Musik. Der Vortrag verfolgt religionsgeschichtliche Spuren unserer Musikkultur: von Klagelied und Gesang, vom Lamento der Oper und von der christlichen Musik in glaubensloser Zeit.

Sigrid Weigel ist eine deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und ehemalige Direktorin des Zentrums für Literaturforschung Berlin (ZfL) und em. Professorin der Technischen Universität Berlin. Am ZfL leitet sie die Projekte „Ikonische Präsenz. Bilder in den Religionen“ und „Susan Taubes-Edition“.

SHULAMIT BRUCKSTEIN: DIE JÜDISCHCHRISTLICHE TRADITION IST EINE ERFINDUNG (TBC)

Auf dem derzeitigen Kampfplatz gibt es vor allem einen Gegner: den Islam. Den Versuch, Jüdisches von Arabischem zu trennen oder gar einer jüdischchristlichen Geschichte zuzuordnen, kritisiert Bruckstein als Blindheit gegenüber der Geschichte. Es gab keine jüdischchristliche Tradition, sie ist eine Erfindung der europäischen Moderne und ein Lieblingskind der traumatisierten Deutschen.

Shulamit Bruckstein ist Kulturwissenschaftlerin, Philosophin, Kuratorin und Gründerin von ha’atelier/TASWIR projects, einer internationalen Plattform für die Renaissance kosmopolitischer jüdischer und islamischer Traditionen.

Manfred Frank ist ein deutscher Philosoph und emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind der deutsche Idealismus und die Philosophie des Geistes.

Alle weiteren Termine entnehmen Sie bitte unserer Hompeage.