EIN INTERVIEW MIT DEN CO-KURATOR_INNEN MARISA C. HAYES UND FRANCK BOULÈGUE

Vom 05. – 09. Juni 2019 fand das erste INTERNATIONAL SCREENDANCE FESTIVAL FREIBURG am Theater Freiburg und im Kommunalen Kino statt. Screendance ist eine interdisziplinäre Kunstform, die Tanz, Choreografie, Bildende Kunst und Performance mit Film und Kino verbindet. Das Festival präsentierte zum ersten Mal im Dreiländereck 36 aktuelle Filme aus aller Welt in drei Kategorien und lädt zu Workshops, Vorträgen, Diskussionen und Get-Together rund um Screendance ein. Der Open Call motivierte knapp 200 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt, ihre Kurzfilme einzureichen. Gemeinsam programmierten die Initiatorin des Festivals Adriana Almeida Pees mit den beiden Co-Kurator_innen Marisa C. Hayes und Franck Boulègue Filme unterschiedlichster Ästhetiken zu spannenden Kinoabenden. Bettina Földesi (Dramaturgin und Produktionsleiterin Tanz) sprach mit den beiden Screendance-Expert_innen über die Faszination Screendance und über das Festival. Das Originalinterview auf Englisch gibt es hier. Zum Festivalprogramm geht es hier.

Bettina Földesi: Screendance als eigenständige Kunstform ist in Deutschland recht neu. Lasst uns also mit der Frage beginnen: Was ist eigentlich Screendance und inwiefern unterscheidet es sich von anderen „On-Screen-Kunstformen“?

Marisa C. Hayes: Die Definition von Screendance variiert von Ort zu Ort und von Festival zu Festival. Unsere Definition von Screendance – und das ist wahrscheinlich auch die international gängigste – ist der Versuch, eine spezifisch auf Film ausgerichtet Chorografie auf die Leinwand zu bringen. Wenn ich hier von „Film“ spreche, dann meine ich das im breiten Sinne eines „erweiterten Kinos“: Das kann von digitalem oder analogem Film, bis hin zu Filmspulen und Installationen reichen und bezieht sich auf so ziemlich jede Art von bewegtem Bild. Screendances sind also bewegte Bilder, in denen Choreografie in Kombination mit audiovisuellen Elementen in Szene gesetzt werden. Das ist eine vereinfachte Definition, die allerdings komplexe Fragen aufwirft, wenn man von bewegten Bildern spricht, die immer aus einer Kombination aus der jeweiligen Kameraarbeit, dem Editieren und den sich bewegenden Körpern und/oder sich bewegenden Objekten bestehen: Was ist Tanz überhaupt? Wer ist der Choreograf? Und vor allem, worin liegt die Choreografie? Liegt sie in der Kameraarbeit, im Editieren oder nur in dem, was sich innerhalb des Bildes auf der Leinwand bewegt? Es gibt keine einzig gültige Antwort auf diese Fragen, da sich die Gewichtung dieser Elemente im Screendance von Projekt zu Projekt stark unterscheiden.

Franck Boulègue: Screendances sind Arbeiten, die zwischen Choreografie und Kinematografie situiert sind. Manchmal ist Screendance stärker auf Choreografie ausgerichtet, manchmal stärker auf Kinematografie, es beruht aber immer auf einer Wechselwirkung dieser beiden Kunstformen. Die Idee ist, choreografische Kinematografie bzw. kinematische Choreografie zu machen. Es gibt viele verschiedene Wörter, die zur Beschreibung von Screendance verwendet werden können, beispielsweise „Tanzkino“, „Tanzfilm“ oder „Videodance“, um nur einige zu nennen. Für mich persönlich trifft es das Wort „Screendance“ am besten, da es die Leinwand als den Ort des Tanzes beschreibt. Dadurch blickt man mit einer anderen Perspektive auf den Tanz – das Wort beschreibt nicht nur den Tanz, der auf Film festgehalten wird, sondern auch der Tanz des Gefilmten und des Filmenden, also den Tanz des Bildes an sich, da die Kamera Teil des Tanzes und der Choreografie ist. Man könnte auch sagen, die Leinwand selbst ist es, die tanzt.

Marisa C. Hayes: Screendance lässt sich auch negativ definieren: Es ist kein fiktionaler Film mit Tanzszenen, wie beispielsweise ein Musical. Es ist keine Dokumentation über Tanz, die Informationen über den Tänzer, den Stil oder eine Tanztechnik vermittelt. Im Bühnentanz wird heutzutage sehr wohl oft auf Videos zurückgegriffen, zum Zweck der Archivierung und der Übermittlung, oder aus pädagogischen Gründen beim Erlernen neuer Choreografien oder neuer Stile. Natürlich könnte Screendance auch als Archiv einer bestimmten Zeit oder einer Kunstbewegung dienen, allerdings ist das nicht das hauptsächliche Ansinnen. Screendance ist auch kein Videoclip. Natürlich können sich Genres überlappen und auf interessante Weise kombiniert werden, aber es ist gefährlich, wemm die einzelnen Kategorien zu eng gefasst werden. Die zugrundeliegende Idee bei einem Musikvideos ist immer der Song als Ausgangspunkt und er steht im Vordergrund. Bei Screendance, das gegebenenfalls gar keine Musik beinhalten muss, ist das nicht der Fall.

Mann in Frauenklammoten kniet
Fenia Kotsopoulou „This Dance Has No End“
Figuren aus Pappe
INTERNATIONAL SCREENDANCE FESTIVAL // In Transit // Foto: Jacqueline Kooter
Collage
Stuart Pound „Boogie Stopm Pink“
Frau blickt ins Licht
INTERNATIONAL SCREENDANCE FESTIVAL // Move around // Foto: Manon Pichon
Frau blickt nach oben
In the House of Mantegna // Foto: Michele Manzini
Mann in Frauenklammoten kniet
Figuren aus Pappe
Collage
Frau blickt ins Licht
Frau blickt nach oben

Bettina Földesi: Wie ihr schon angedeutet habt, ist Screendance eine sehr facettenreiche Kunstform. Er bringt immer eine große Bandbreite an Ästhetik hervor – sowohl im kinematografischer, als auch in choreografischer Hinsicht. Es gibt viele verschiedene Stile und Genres, die miteinander kombiniert werden. Wie hat sich Screendance historisch entwickelt? Wo begann diese dem Screendance spezifische und ihm vorbehaltene Zusammenkunft von Tanz, Choreografie und Film?

Franck Boulègue: Ich glaube es gibt zwei Antworten. Es gibt diejenigen, die bewusst Screendances entwickeln und andere, die Filme mit Tanz machten, ohne zu wissen, dass sie gerade Screendance kreieren. Geht man davon aus, dass das Kino 1895 mit den Brüdern Lumière begann, dann erschien der erste Film mit Tanz 18961, also ganz am Anfang der Filmgeschichte. Bereits damals ging es nicht nur darum, Tanz zu dokumentieren, sondern den Tanz für den Film zu ändern, ihn Frame für Frame einzufärben – das war eine Kunst für sich selbst. Das war schon damals eine Art Screendance, auch wenn die Filmemacher den Begriff „Screendance“ noch nicht kannten. Erst 1940 mit Maya Deren begann man Screendance theoretisch zu verhandeln und eine eigene Disziplin zu entwickeln.

Marisa C. Hayes: Die Ursprünge des Kinos am Ende des 19. Jahrhunderts folgen einer Zeit, in der viel mit Fotografie experimentiert wurde, die an Bewegungsstudien und der Darstellung von Bewegung interessiert war – sei es die Bewegung des menschlichen Körpers oder der eines fliegenden Vogels. Ich beziehe mich hier auf die Arbeit von Edward Muybridge und auch von Étienne-Jules Marey, der unter anderem die Chronofotografie entwickelte. Die Beiden überlegten sich, wie man Zeit und Bewegung bildlich darstellen könnte. Beide legten wichtige Grundbausteine für das Kino, wie wir es heute kennen. Obwohl also Screendance als Kunstform oder Begriff noch nicht existierte, gab es bereits damals eine große Faszination für die Darstellung von Bewegung auf Film. Ich glaube der gesamte Korpus des Stummfilms kann auch als Screendance gesehen werden: Ohne Dialoge wurde alles durch die Bewegung des Körpers und später auch durch die Bewegung der Kamera und des Schnitts ausgedrückt. Für mich ist Stummfilm eine echte Schatztruhe an Screendances.

Maya Deren, die Franck eben erwähnte, ist nicht nur die erste, die ihre ganze Karriere der Choreografie von bewegten Bildern widmete. Sie war auch die erste, die den Ausdruck „Choreografie für die Kamera“ prägte. Sie schrieb über die Besonderheit von Bewegung, die speziell für die Kamera als einzigartigen Ort entwickelt wird – als Ort, der außerhalb des Films nirgendwo sonst existiert. Außerdem erfand sie einen ersten Begriff, den wir heute noch verwenden, um uns mit dieser Kunstform auseinanderzusetzen: Sie verwendete den Begriff „Filmdance“ und kombinierte die beiden Wörter ohne Leerzeichen, um die besondere Verbundenheit zwischen Film und Tanz zu betonen.

Ein weiterer wichtiger Meilenstein ist die Erfindung der Videokassette. Sie kam Ende der 1960er auf den öffentlichen Markt und weckte ab Anfang der 1970er großes Interesse. Während dieser Zeit experimentierte Merce Cunningham mit dem, was wir „Video Dance“ nennen. Dies ist auch die Zeit, in der die Videokunst theoretisiert und mit einem Namen versehen wurde. Ein interessanter Wendepunkt war vor allem aber auch die Verfügbarkeit von Equipment, das mobiler und finanziell erschwinglicher wurde. Bis dahin mussten Choreografen bei der Produktion meist mit einem professionellen Filmmacher zusammen arbeiten. Es war sehr aufwendig und kostspielig, einen Film zu produzieren. In jüngerer Zeit verbreitete sich der Screendance um ein Vielfaches durch das digitale Video und den Zugriff auf kleine Geräte.

Álvaro Congosto “Ladia”

Bettina Földesi: Ich denke, dass die Kontexte von Präsentation, Repräsentation und Diskussion – sei es im Theater, in Galerien, in der Choreografie-Szene oder in der Bildenden Kunst –unser Verständnis, unsere Wahrnehmung und unsere Definition von Screendance stark beeinflussen. In welchem Kontext wurden diese Experimente präsentiert? War beispielsweise Maya Derens Arbeit in der Choreografiewelt anerkannt? Welche Möglichkeiten hatte sie, ihre Arbeiten zu zeigen – im Kino, am Theater und/oder in Ausstellungen?

Franck Boulègue: Ich denke, der Vorteil von Screendance ist seine Hybridität, die Tatsache, dass es eine Fusion mehrerer Kunstformen ist. Allerdings ist das auch sein größter Nachteil, wenn es um die Förderung geht, denn die Leute neigen dazu zu fragen: Handelt es sich um Tanz oder eher um Kino? Meine Antwort wäre, dass sich Screendance in alle diese Kontexte einbinden lässt. Es ist zugleich eine bestimmte Form von Tanz, von Kino und von Bildender Kunst.

Marisa C. Hayes: Der Kontext bestimmt sicherlich, wie Screendance aufgefasst wird und beeinflusst auch die Art der Arbeiten, die produziert werden. Ich glaube, in der Screendance-Wissenschaft fangen wir gerade erst an, uns mit der unterschiedlichen Wirkung von Screendance in verschiedenen Institutionen zu befassen, also mit der Frage, worin der Unterschied liegt zwischen der Präsentation von Screendance in einer Ausstellung und seiner Präsentation in einem choreografischen Zentrum oder in einem Theater. In Bezug auf diese Kontexte von Produktion und Präsentation ist es auch interessant zu berücksichtigen, auf welche spezifischen Ressourcen die Künstler_innen zurückgreifen können. Und das hängt oft davon ab, aus welcher künstlerischen Disziplin die jeweiligen Künstler_innen stammen. Interessanterweise erhielt Maya Deren finanzielle Unterstützung durch Film- und Kunststipendien. Merce Cunningham, ein Star der zeitgenössischen Tanzwelt, konnte durch seine Arbeit ein breites Tanzpublikum zu erreichen, obwohl viele seiner Videoarbeiten in Galerien und Museen ausgestellt wurden. All das ist von Projekt zu Projekt sehr unterschiedlich. Heutzutage neigen Screendance-Festivals dazu, die Arbeiten meist im Kino zu präsentieren und ich frage mich immer wieder, welche Erfahrung dadurch für das Publikum entsteht. Ich finde es sehr interessant, Screendance vermehrt auch in Tanzinstitutionen zu zeigen, wie hier am Theater Freiburg. Ich denke, es ist wichtig, darüber nachzudenken, wie Screendance die choreografische Kultur unserer Gegenwart beeinflusst. Schließlich ist Screendance Teil unserer Choreografiekultur, so sehr er sich auch von unserem Begriff von Bühnenchoreografie unterscheiden und diese herausfordern mag.

Bettina Földesi: Apropos Screendance in Theater-Kontexten: Lasst uns gleich an dieser Stelle ein wenig über das erste INTERNATIONAL SCREENDANCE FESTIVAL FREIBURG sprechen. Durch einen Open Call erhielt das Theater Freiburg knapp 200 Einsendungen in drei verschiedenen Kategorien: in der Kategorie INTERNATIONAL SCREENDANCE, in der Kategorie NATIONAL SCREENDANCE und in der festival-spezifischen Kategorie WILLIS – NATURE SPIRITS FROM THE BLACK FOREST. Mit dieser letzten Kategorie ermutigte das Kurator_innen-Team (d. h. Marisa C. Hayes, Franck Boulègue und Adriana Almedia Pees) die Künstler_innen, Filme eigens für dieses Festival hier in Freiburg zu produzieren. Es wurde eine große Anzahl an Filmen verschiedenster Ästhetiken eingereicht, was es umso interessanter, aber auch schwieriger machte, die Filme für das Festivalprogramm auszuwählen. Welchen Auswahlkriterien seid ihr gefolgt und welche Form habt ihr dem Festival hier in Freiburg gegeben?

Marisa C. Hayes: Ich fühlte mich stark verantwortlich bei der Kuratierung dieser Kategorien, weil mir sehr bewusst ist, dass es sich um das allererste Screendance-Festival hier in Freiburg und in der Region handelte. Auch wenn das Tanzpublikum am Theater Freiburg Screendance bereits durch die Veranstaltungsreihe TANZKINO1 entdecken konnte, war es für mich besonders wichtig, einen Einblick in die Vielfalt und Fülle von Ansätzen im Screendance zu ermöglichen. Was ich an Screendance auch besonders gerne mag, ist seine Internationalität – also die Möglichkeit, Arbeiten aus der ganzen Welt zu sehen (einschließlich aus Ländern und von Künstler_innen, zu denen wir sonst keinen Zugang haben würden). Schließlich kann ein Film viel schneller um die Welt reisen, als eine Live-Performance. Daher war es für mich sehr wichtig, und ich glaube für uns alle, eine vielfältige Auswahl in Bezug auf den Tanzstil, den Filmstil und die Herangehensweise an Musik und Sound zu treffen. Und gleichzeitig zu versuchen, die internationale Bandbreite derer zu repräsentieren, die heutzutage Screendance machen, indem Filme aus verschiedenen Ländern gezeigt werden.

Franck Boulègue: Ich denke, dass die Aufgabe eines Kurators nicht nur darin liegt, die Filme zu fördern, die ihm am besten gefallen, sondern vor allem auch darin, zwischen Künstler_innen und Publikum zu vermitteln. Es geht also darum, Verständnis und Wertschätzung für die unterschiedlichen Tendenzen innerhalb einer Kunstform zu generieren und die Zuschauer_innen Schritt für Schritt an etwas Neues oder Anderes heranzuführen, das anfangs vielleicht schwer zugänglich ist. Man will ja niemanden abschrecken, wenn man beispielsweise sehr experimentelle Filme gleich an den Anfang eines Abends setzt. Dann würden die meisten den Raum nach fünf Minuten verlassen. Es geht wirklich darum, das richtige Mittelmaß eines qualitativ hochwertigen Programms zu finden, das zur gleichen Zeit auch das Interesse des Publikums weckt. Das versuchen wir immer zu berücksichtigen: Welcher Dialog mit dem Publikum eignet sich, der zugleich das Publikum wie auch die Künstler_innen respektiert?
Bei einer so großen internationalen Auswahl, mit der wir es hier zu tun hatten, war es mir auch wichtig, nicht nur europäische Filme zu zeigen, sondern auch Filme aus Regionen, die unsere Bildschirme normalerweise nicht so leicht erreichen. Das ist das Wunderbare am Internet. Denn selbst wenn man auf der anderen Seite des Erdballs lebt, ist nur ein Internetzugang nötig, um Filme einreichen zu können. Projekte von Künstler_innen aus weit entfernten Ländern sehen zu können, ist ein echter Fortschritt. Also ja, Geographie war uns wichtig, wo die Menschen wohnen und wo die Filme herkommen. Wir gaben uns auch große Mühe, eine Balance zwischen sich als männlich und sich als weiblich identifizierenden Tänzer_innen und Filmemacher_innen zu halten. Wir wollten immer versuchen, dass alle Geschlechter vertreten sind. In dieser Hinsicht ist Screedance großartig, da im Gegenteil zu kommerziellen Filmen auch Frauen sehr stark repräsentiert sind. Ich möchte hinzufügen, dass ich es für wichtig hielt, den deutschen Screendance bei diesem Festival zu unterstützen, denn Deutschland bringt wohl Screendance hervor, ist aber definitiv nicht das Land in Europa, das die höchste Anzahl an Screendance-Arbeiten produziert. Ich denke also, dass dieses Festival hier in Freiburg eine gute Gelegenheit für deutsche Filmemacher_innen und Choreograf_innen war, Screendance kennenzulernen.

Marisa C. Hayes: Ich glaube auch, dass es gut war, eine Kategorie von nationalen Filmen zu haben, denn manchmal müssen wir eine spezielle Kategorie einführen, um Sichtbarkeit zu schaffen. Bis wir einen höheren Grad an Gleichstellung erreicht haben, ist es notwendig, gewisse Spotlights zu setzen, die Arbeit zu fördern und sie sichtbar zu machen.

Frau liegt auf der Wiese umgeben von Äpfeln
Still // Foto: yeri anerika
Toaster
Stephan Dorn „Goldgelb“
Wald
A Serpent Of Velour // Still // Foto: P. A. Hülsenbeck
In der Kirche
Eleonora Siarava und Andrea Wilks “Co-topia on Screen”
Schwarzweiß Bild
INTERNATIONAL SCREENDANCE FESTIVAL // Memento Boltanski // Foto: Eri Kassnel
Frau liegt auf der Wiese umgeben von Äpfeln
Toaster
Wald
In der Kirche
Schwarzweiß Bild

Bettina Földesi: Nachdem alle Filme ausgewählt wurden: Was konnten wir in den drei verschiedenen Kategorien erleben?

Marisa C. Hayes: Die Vielfalt, die in jeder Kategorie zu finden war, begeistert mich immer wieder. Keine zwei Filme ähnelten einander. Selbst wenn ein Film vielleicht nicht so sehr gefiel, gingen wir sofort zum nächsten über, und der war vielleicht besonders ansprechend oder herausfordernd. Vor allem in der internationalen und er deutschen Kategorie gab es eine große Vielfalt an Arbeiten. Was ich an der Wilis-Kategorie liebte, war, dass wir eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart schlugen, zwischen Wilis als Figuren in der Geschichte des klassischen Balletts Giselle und als Figuren, die in der Folklore des Schwarzwaldes vermengt mit zeitgenössischeren Ideen auftreten: Wie können wir den Archetypus der Wilis in Filmmaterial übersetzen, in eine zeitgenössische Form der Darstellung überführen? Wie können wir uns auf die Wilis beziehen, von ihnen ausgehen und uns auf globaler Ebene darüber Gedanken machen, in welcher Form dieser Archetypus vielleicht sogar auf der ganzen Welt existiert? Es waren nicht nur Künstler_innen aus Deutschland, die Filme über Wilis eingesendet haben. Es gibt viele verschiedene Erscheinungsformen der Wilis auf der ganzen Welt, von Brasilien bis zu den Vereinigten Staaten.

Bettina Földesi: Ich denke, dass dies auch dem Freiburger Publikum gefiel, weil es Arbeiten waren, die die Zuschauer_innen mit dieser wunderschönen Umgebung Freiburgs, mit ihrer Realität und ihrer Kultur in Verbindung bringen konnten. Die eingereichten Kreationen waren sehr interessant und von hoher Qualität. Es war also eine sehr gute Initiative von Seiten des Festivals, diese Kategorie vorgeschlagen zu haben.

Marisa C. Hayes: Und es ist eine echte Stärke zu zeigen, dass ein Festival nicht nur ein Ort ist, an dem Arbeiten gesehen werden können, sondern dass es auch die Produktion von neuen Filmen inspiriert, indem es ein Thema vorgibt und dazu auffordert, auf dieses Thema zu reagieren. Es ist ein Beitrag des Festivals, die Entstehung neuer Screendance-Werke zu anzuregen, um die Kunstform zu hinterfragen und zu fördern.

INTERNATIONAL SCREENDANCE FESTIVAL // Quartett // Foto: Segarra Vidal

Bettina Földesi: Ergänzend zu den Screenings, bot das Festival auch Workshops, Vorträge und Diskussionen. Ihr beiden habt die Workshops geleitet und Vorträge gehalten. Die Jury-Mitglieder Claudia Kappenberg und Blas Payri waren ebenfalls als Vortagende eingeladen. Was habt ihr in den Workshops gemacht?

Marisa C. Hayes: Wir unterrichteten einen Workshop für jüngere Teilnehmer_innen, auf den ich schon sehr gespannt war. Das, was für die meisten jungen Leute alltägliches technologisches Material geworden ist, wurde dafür verwendet – also Smartphones, Webcams, Laptops, etc. Wir haben uns ganz einfaches Equipment angeschaut. Manche Menschen hören das Wort „Filmproduktion“ und werden ängstlich und denken, dass sie ein enormes Budget und eine sehr hochwertige Kamera benötigen, um etwas Gutes zu machen. Dabei glauben wir eigentlich vor allem an starke Ideen und was wir mit wenig Geld, aber einer sehr guten Idee alles machen können. Wir freuen uns, die Kreativität junger Menschen anzuregen, Ihre Ideen mit Hilfe dieser Tools, die ein Teil ihres alltäglichen Lebens geworden sind, auszudrücken. Etwas sehr persönliches an unserem Unterricht ist, dass wir keine bestimmte Ästhetik, keinen bestimmten Tanzstil und keine bestimme Art zu arbeiten pushen. Wir möchten immer einen Raum schaffen, der es ermöglicht, sich miteinander auszutauschen und gemeinsam zu verstehen, wie man durch Screendance hybride Arbeiten kreieren kann, die die jeweils individuellen Ideen eines_r jeden Teilnehmer_in ausdrücken.
Im zweiten Workshop für erwachsene Künstler_innen, die sich im Screendance ausprobieren wollten, folgten wir einem ähnlichen Ansatz. In beiden Workshops ging es darum, sich auszutauschen und zu verstehen, wie das Material am besten genutzt werden kann, um Ideen in Gang zu setzen und jede einzelne Stimme einzubringen. Es ging nicht darum, die Technologie über die Kunst zu stellen, sondern darum, Technologie zu nutzen, um gemeinsam Ideen in die Welt zu setzen.

Bettina Földesi: Die Teilnehmer_innen brauchten auch keinen bestimmten Hintergrund, um sich für diese Workshops zu interessieren. Wir verlangten keine spezifischen Vorkenntnisse. In unseren Ländern hat fast jeder schon einmal ein Handy benutzt, um etwas zu filmen. Solange ihr wisst, wie das geht, könnt ihr einen Screendance machen. Solange ihr euch vorstellen könnt, euch ein wenig hinter und vor der Kamera zu bewegen, hoffen wir, dass euch unsere Workshops gefallen werden.

Marisa C. Hayes: Oder du bewegst etwas anderes als deinen Körper.

Bettina Földesi: Ja, oder etwas anderes. Es muss nicht unbedingt der Körper sein. Bewegung ist nicht auf den menschlichen Körper oder den tierischen Körper beschränkt. Es könnte die Bewegung eines Baumes sein, oder etwas ganz anderes.

Marisa C. Hayes: In beiden Workshops wollten wir den Teilnehmer_innen einige grundlegende Tools zur Verfügung stellen, um ihnen die Basics des Filmemachens näherzubringen: verschiedene Kamerawinkel und verschiedene Arten von möglichen Aufnahmen. Wenn man über dieses Wissen verfügt, versteht man recht schnell, wie man die Kamera einsetzen kann, um bestimmte Ideen auszudrücken oder bestimmte Bewegungen einzufangen. Deshalb haben wir uns mit der Beziehung zwischen Kamera und Choreografie beschäftigt und damit, wie man eine Choreografie speziell für und mit der Kamera kreiert.

Frau im Wald
INTERNATIONAL SCREENDANCE FESTIVAL // Orientation // Foto: Seth Myers
Frau blickt dirch Stoff
Clare Schweitzer „Vilifemme“
INTERNATIONAL SCREENDANCE FESTIVAL // Uusiminen // Foto: Justine Haelters
Frau im Wald (Blauer Filter)
Payri Filmstill
Frau im Wald
INTERNATIONAL SCREENDANCE FESTIVAL // Tejido // Foto: Philippe-Alexandre Jaques
Frau im Wald
Frau blickt dirch Stoff
Frau im Wald (Blauer Filter)
Frau im Wald

Bettina Földesi: Ihr seid beide Expert_innen für Screendance. Ihr seid Screendance-Macher_innen, Theoretiker_innen, Wissenschaftler_innen und ihr produziert und kuratiert Screendance durch das von euch initiierte International Video Dance Festival of Burgundy. Was gefällt euch so am Screendance, was fasziniert euch persönlich daran?

Marisa C. Hayes: Eigentlich komme ich vom Tanz. Ich habe von klein auf eine sehr intensive Ausbildung an einer professionellen klassischen Ballettschule genossen und als Jugendliche habe ich mich auch mit Fotografie beschäftigt. Und ich komme aus einer Familie von Bildenden Künstlern. Was mir bei der Fotografie wirklich Spaß machte, war die Beziehung zu meinem Körper, die nicht unbedingt sichtbar war, wenn ich ein Foto machte, z. B. von einer Landschaft, aber ich erinnere mich an das physische Gefühl, wie ich meinen Körper platzierte und wie ich mich in Bezug auf das Motiv positionierte. Und ich erkannte, dass sich diese Bewegung choreografisch anfühlte, als würde ich für das Bild komponieren. Ich hatte also diese kinästhetische Erfahrung – auch wenn das Foto selbst nicht nach Tanz aussah, hatte ich das Gefühl, als würde ich eine Bewegungsübung ausführen. Außerdem war ich schon immer viel mehr an Komposition und Choreografie interessiert, als daran, auf der Bühne zu stehen. Also bevor ich überhaupt wusste, was Screendance war, habe ich es in meinem Körper gespürt. In meiner Jugend habe ich auch experimentelle Filmarbeiten wie die von Maya Deren für mich entdeckt, damals nicht wissend, dass diese Arbeiten Screendance waren. Als ich meinen Bachelor-Abschluss in den Vereinigten Staaten machte, nahm ich an einem Screendance-Kurs teil. Das brachte mich dazu, meine eigene Arbeit zu machen. Ich war so fasziniert von Screendance, dass ich auf ein Tanzstudium verzichtete und stattdessen ein interdisziplinäres Studium absolvierte, wo ich Kurse in Bildender Kunst besuchte. Und ich wusste, dass ich mehr praxisbezogenes Wissen über Videoequipment und Filmschnitt brauchte. Daraufhin nahm ich auch vermehrt Unterricht in Filmgeschichte und Filmtheorie, neben Tanzgeschichte und anderen Bereichen, die sich auf Choreografie beziehen. All die Dinge, die ich heute tue – das Forschen, das Kuratieren, das Filmemachen – sind eng miteinander verbunden, und ich verstehe sie alle als kreative Arbeit. Auch ein wissenschaftlicher Text fühlt sich an wie ein Kunstprojekt, denn alle Projekte sind nur verschiedene Ausdrucksformen und setzen Ideen in die Welt.

Franck Boulègue: Ich komme ursprünglich aus der Politikwissenschaft, einem Bereich, in dem ich jahrelang studiert und gearbeitet habe. Aber gleichzeitig habe ich mich immer für das Kino interessiert und seit etwa fünfzehn Jahren schreibe ich für mehrere Publikationen über das Kino. Als ich Marisa Anfang der 2000er Jahre traf, entdeckte ich Screendance, was mich dazu gebracht hat, die Natur des Kinos zu hinterfragen. Heute glaube ich, dass in jedem guten Filmemachen ein starker choreografischer Anspruch liegt. Ich glaube zwar nicht, dass man keinen guten Film machen kann, wenn man kein guter Choreograf ist. Aber ich denke, ein guter Filmemacher weiß, wie man die Kamera bewegt, wie man die Bewegung der Schauspieler komponiert und wie man ein choreografisches Gefühl vermittelt. Wenn er nicht weißt wie man das hinkriegt, fällt alles flach auf die Leinwand. Nach und nach bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Screendance in gewisser Weise die Essenz des Kinos ist. Screendance ist der Kern, das Ideal dessen, was starkes Kino ausmacht. Selbstverständlich ist Screendance nicht nur Kino, sondern auch Choreografie, Bildende Kunst und Sound, aber in meiner Screendance-Analyse und -Praxis komme ich aus dem Kino. Starkes Filmemachen hat für mich immer mit Screendance zu tun.

Bettina Földesi: Vielen Dank Euch beiden für das Gespräch.


Das International Screendance Festival Freiburg wurde gefördert durch den Innovationsfonds Kunst, gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.